Jazz Trio inside
Wolfgang Muthspiel ist ein Gitarrist ohne Grenzen. Österreicher von Geburt, ausgebildet unter anderem am berühmten Berklee College of Music, seit 2005 Professor an der Musikhochschule Basel und dortselbst Inspirator der immer lebendigeren Jazzszene (Jazz Campus u. a.). Grenzenlos ist Muthspiel auch in dem Sinn, dass er, ein unverwechselbar eigenständiger Meister auf akustischen und elektrischen Instrumenten, neugierig ist auf viele Formate. In welchem Rahmen, in welchen Partnerschaften, in welchen Weltgegenden auch immer: Unabhängig vom Format zeigt sich bei Muthspiel (sozusagen als anderer Pol) ein eingeborener Hang zur Intimität, zur Essenz, zum geschützten Wagnis im Versuch (seine Vorliebe für Etüden!), zum kalkulierten Risiko; zum Gleichgewicht also von Voraussicht und offenem Ende, das den Kern jeder Improvisation ausmacht, bei allem Jazz. Seine jüngste Formation, deren erstes Album unlängst erschienen ist, nennt Muthspiel «Chamber Trio». Es ist ein Kammer-Trio der sehr besonderen Art. Abgesehen davon, dass der Begriff eben Intimität beinhaltet (und eine Art Pleonasmus ist: Jedes Trio ist in diesem Sinn eine «Kammerformation»), ist es durchaus ein Jazz-Trio und hat mit der Vorstellung von einer romantischen Kammerformation trotz des ersten der neun Muthspiel-Titel wenig zu tun («Guacho Schubert»). Sehr besonders ist die Besetzung. Nicht einmal so sehr der österreichische Trompeter Mario Rom, ein hinreissender Melomane und Wahlverwandter von Trompeten-Lyrikern wie Kenny Wheeler oder Matthieu Michel. Rom ist sozusagen die Verlängerung von Muthspiels eigener lyrischer Komponente. Sehr besonders und durchaus gewagt ist die Kombination von Muthspiels Gitarre mit dem Piano von Colin Vallon. Die Konfrontation, über weite Strecken Verschmelzung von zwei zudem in ihrer musikalischen Syntax sehr artverwandten akkordischen Instrumenten erfordert ein extrem telepathisches Einfühlungsverm.gen und ein ungewöhnliches Raumgefühl. Auf staunenswerte Weise gelingt dies in balladesk bewegenden Emotionalien wie «Might this Be the End» oder (Vallons einziger Komposition) «Spring» ebenso wie in Humoresken («Dogs») oder der afrikanisierenden Hommage an Lionel Loueke (auch schon Muthspiels Partner). Ein zauberhaft-behutsam intensives Album. Kunstvoll und herzwarm.
Peter Rüedi