Where The river goes, jazzecho

Auf “Where The River Goes” schreibt Wolfgang Muthspiel mit einer nahezu identischen Besetzung die Geschichte fort, die er 2016 auf seinem von der Kritik gefeierte Album “Rising Grace” begonnen hatte. Wie das vorangegangene Album ist auch “Where The River Goes” gekennzeichnet von intuitiver Magie und vom genauen gegenseitigen Zuhören der Musiker. “Das Stimmungsbild des Albums”, meinte DownBeat damals über “Raising Grace”, “ist meditativ, doch optimistisch und beschwingt. Durchsickernde Grooves treiben den Flow voran, während elementare Melodien und klassische Harmonien als Wegweiser dienen.”

Für die Einspielung von “Where The River Goes” konnte der österreichische Gitarrist erneut Pianist Brad Mehldau, Trompeter Ambrose Akinmusire und Bassist Larry Grenadier (allesamt viel gefragte Musiker und selbst Bandleader) gewinnen. Für Brian Blade, der auf “Raising Grace” trommelte, stieß diesmal der nicht minder brillante Eric Harland zum Ensemble. Gemeinsam gehen diese Musiker die Kompositionen des Bandleaders wieder ungemein kreativ an, indem sie die Formen ständig ausweiten, Melodien mit neuen Harmonien versehen, Themen ausschmücken und sich in die Struktur der Stücke vertiefen. Obwohl das Quintett ein veritables All-Star-Ensemble ist, bündeln die Musiker ihre Energien sehr demokratisch. Soli im herkömmlichen Sinne werden hier sparsam eingesetzt – auch wenn das extrovertierte “Blueshead”, eine Mehldau-Komposition, allen fünf Bandmitgliedern Gelegenheit bietet, sich “auszutoben”. Meist aber kommt es zu inspirierten Zwiegesprächen zwischen den Bandmitgliedern, die auch ein ausgesprochenes Gefühl der Freiheit miteinander verbindet.

Ein erstes Beispiel dafür ist der von Muthspiel und Mehldau subtil entwickelte Dialog im Mittelteil von “For Django”, bei dem sich die beiden gegenseitig umkreisen und dabei immer neue musikalische Ideen zuspielen. Ähnlich faszinierend sind die ersten Minuten von “One Day My Prince Was Gone”, in denen jeder der Musiker einer eigenen Linie zu folgen scheint, bis diese dann sie in Muthspiels Thema endlich miteinander verschmelzen. In “Panorama” werden Muthspiels Arpeggios von Harlands schnarrender Snaredrum auf wunderbare Weise ausgeschmückt. Ambrose Akinmusire, der den reinen, klaren Ton seiner Trompete mit malerischen Klangverschmierungen kontrastiert,  findet auf dem gesamten Album immer wieder neue Ansatzpunkte für das Material. Muthspiel lobt die Furchtlosigkeit des Trompeters und bezeichnet ihn als “eine große neue Kraft in der Musik”.

Der titelgebende Fluss des Albums trägt einen in Richtung des spontan entstandenen Stücks “Clearing”, das im Mittelpunkt des Programms steht und ein Gemeinschaftswerk aller fünf Musiker ist. Für Wolfgang Muthspiel und seine Gefährten bedeutet “frei” zu spielen, die Form im Moment zu finden und einzufangen. In “Buenos Aires” hört man Muthspiel schließlich ganz allein. Er spielt hier mit einer Eleganz, die verdeutlicht, weshalb das Magazin The New Yorker ihn einst als “Lichtgestalt” unter den zeitgenössischen Jazzgitarristen bezeichnete.

Im Herbst wird Wolfgang Muthspiel mit Trompeter Mathieu Michel, Pianist Colin Vallon, Bassist Larry Grenadier und Schlagzeuger Jeff Ballard auf eine Tournee durch Europa gehen und dabei sowohl Stücke von dem neuen Album “Where The River Flows” als auch von “Rising Grace” spielen. Vier der Konzerte wird das Quintett in Deutschland geben: am 31. Oktober im Opernhaus in Halle/Saale, am 3. November im Jazzlub Minden, am 5. November in der Hamburger Elbphilharmonie und am 9. November schließlich im Sudhaus in Tübingen.

Angular Blues

There is so much to commend Wolfgang Muthspiel latest recording Angular Blues: the beautiful textures created by its guitar, bass and drums sonority; the outstanding quality of the musicianship on display; the interesting original compositions which bring forth reflective and introspective improvisations; the unique musical personalities of Wolfgang, bassist Scott Colley and drummer Brian Blade, all of whom are respectful of the Jazz tradition while, at the same time, bringing forth their own unique, individual voices.

It’s rare that a recording comes fully formed in terms of the excellence of its music, the musicians who perform it and the audio aura that captures it. Angular Blues is one of these singular occasions and Manfred Eicher should be rightfully pleased and proud of his production.

 

Steven Cerra (Jazz Profiles)

Angular Blues

Muthspiel’s “Angular Blues” proves that gifted improvisers can hit their stride in their autumn years. He doesn’t let his agile fingers do all the thinking for him: his lines breathe rather than pant, particularly on the first three tracks, which feature acoustic guitar. Partnered with two receptive players—the drummer Brian Blade and the bassist Scott Colley—Muthspiel demonstrates his artistic maturity, but he still finds moments to loosen the reins, as on the aptly titled “Ride.”

Steve Futterman (The New Yorker)