Im Labor und weiten Land einer fein ziselierten Sound-Ästhetik
Gitarrist Wolfgang Muthspiel mit Chamber Trio im Porgy & Bess.
Kritik. Musik lässt sich als reine Emotion erst richtig begreifen, wenn sie befreit ist vom kurzfristigen Erfolg und rein kommerziellen Kalkül, frei von Pomp und künstlicher Hype. Wie bei Wolfgang Muthspiel und seinem neuen Album „Atlas“mit dem Schweizer Pianisten Colin Vallon und dem Wiener Trompeter Mario Rom.
Die drei Chamber-TrioAkteure live im Porgy & Bess konzentrieren sich bei ihrer gemeinsamen kammermusikalischen Exploration auf Klang, Improvisation und kreative Interaktion.
Das erfordert konzentriertes Zuhören und Hingabe auf der Bühne ebenso wie im
Auditorium. „Atlas“ist keine verjazzte Klassik, sondern trotz fehlendem Schlagzeug ein offenes, rhythmisch energetisches Improvisationssystem voll überraschender dynamischer Brüche.
„Vevey“, nach der Schweizer Stadt benannt, lebt von ruhigen, fließenden, ineinander verzahnten Tönen auf Gitarre und Piano, bis sich ein verhallter, atmender Trompetenton dazugesellt.
Hier geht’s statt um Thema-Solo-Thema um das allmähliche Entstehen eines gemeinsamen Klangraums.
Schon fast ein Standard ist das Muthspiels Tochter gewidmete melodiöse Stück „Father And Sun“, Intellekt und Emotion ideal verbindend. Und eine absolute Glanznummer dank Muthspiels akustischer Gitarrenarbeit: „Guacho Schubert“als Kreuzung zwischen tänzerischer, südamerikanisch gefärbter Motorik und liedhafter Schubert-Nähe.
„Lionel“, eine Hommage an Lionel Loueke mit leisen Anklängen an Afrika, beginnt mit rhythmischem Schaben der Saiten und dem perkussiven Einsatz des Gitarrenkorpus, bevor Trompete und Klavier die Melodie aufnehmen und am Ende die Gitarre mit heftiger Geste die Schönheit überraschend konterkariert.
von W. Rosenberger