Rising Grace, NRW

Wolfgang Muthspiel ‚Rising Grace’ |
Intimes Interplay von fünf melomanen Musikern

Text: Heinrch Brinkmöller-Becker

Bochum, 18.11.2016 | Ein aktuelles Album, das stark an Ralph Towner oder Pat Metheny oder Jim Hall im Zusammenspiel mit Kenny Wheeler erinnert, überrascht insofern, als dieses nach déjà entendu, bestimmt nicht nach Innovation klingt – aber das gerade bei ECM erschienene Album Rising Grace klingt trotzdem verdammt gut. Dies mag daran liegen, dass der österreichische Gitarrist Wolfgang Muthspiel mit seinen „angestammten“ Rhythmikern Larry Grenadier am Kontrabass und Brian Blade am Schlagzeug zusätzlich zwei ebenfalls herausragende Musiker ins Quintett-Boot holt: keinen Geringeren als Brad Mehldau am Piano und den umwerfenden jungen Trompeter Ambrose Akinmusire.
Bereits der Opener mit dem Titelstück – man ist geneigt zu sagen: Titelsong – zeigt die musikalische Richtung des Albums an: eine lange Melodie mit einfachem Motiv fließt ruhig dahin, akustische Gitarre, strahlender Trompetensound und eher zurückhaltende Pianoläufe spielen und umspielen die ostinate Figur. Wie auch das folgende langsame Intensive Care mit seinem feinsinnigen Schwebezustand oder der butterweiche Triad Song mit seiner einfachen Pop-Melodie und herrlichen Solo-Einlagen von Mehldau, Muthspiel und Akinmusire dokumentieren: Bei den Musikern des Quintetts handelt es sich allesamt um ausgesprochen lyrische Melodiker, ihr Zusammenspiel bewegt sich hart an der Grenze zum Kitschverdacht. Diesem entgehen sie jedoch durch eine sehr konzentrierte, kunstvoll aufeinander abgestimmte Interaktion, deren Artistik im genauen Aufeinander-Hören und einem eher zurückhaltend verwobenen Kommunikationsgeflecht besteht. Ob Muthspiels singende akustische oder elektrische Gitarre, ob das kristallklar und phantasievoll phrasierte Trompetenspiel Akinmusires, ob Mehldaus perlende Pianoläufe, ob der sanft zupackende groovende Kontrabass Grenadiers, ob Blades subtil variierter Rhythmus – das intime Interplay der Fünf erzeugt eine spannungsgeladene und spannende Verdichtung ihres musikalischen Ausgangsmaterials. In der im Titel explizierten Hommage an Kenny Wheeler, der ruhigen Rêverie Den Wheeler, Den Kenny, wird der US-amerikanische vielfach ausgezeichnete Ambrose Akinmusire – wie auf dem gesamten Album – seinem Vorbild mehr als gerecht und entzieht sich souverän jeglichem epigonalen Kopieren. Die einzige Komposition des Albums, die nicht von Wolfgang Muthspiel stammt, ist ebenfalls als Hommage konzipiert: Wolfgang’s Waltz aus der Feder von Brad Mehldau kommt nach einem verspielten Intro am Piano und einer Metheny-ähnlichen Reise auf der elektrischen Gitarre als langsamer Walzer in Schwingung. Die Dynamik wird durch solistische Ausflüge von Brad Mehldau und Wolfgang Muthspiel und einer raffinierten Rhythmusunterstützung weiter entwickelt.
Mit dem serenadenhaften Oak endet ein spirituell-melancholisches Tonpoem aus zehn Titeln, das nichts unerhört Innovatives oder gar Provokantes in sich birgt, aber ein sehr subtiles und kunstvolles Werk von fünf melomanen Musikern bedeutet. Rising Grace erzeugt mit seinen vielfältigen introspektiven Lyrismen und seiner Orientierung am Melodiösen als Basis für eine großartige musikalische Entfaltung im Solo- und im Gruppenspiel einen unaufdringlich-betörenden Schönklang. Wolfgang Muthspiel gelingt als Leader einer All-Star-Band mit Rising Grace in der Tat ein großer Wurf voller Anmut.
Wolfgang Muthspiel: Rising Grace. ECM 2515 (CD 6025 4797962 9 ; 2-LP 6025 4799787 6)

Angular Blues

Der geometrisch dekonstruierte Titeltrack verrät seine blues-basierte Konsistenz nur mit viel Gegenwehr und rückt das Zusammenspiel dreier gleichberechtigter Stimmen in den Fokus. Vier Akkorde und ein melodisches Motiv charakterisieren die verträumt minimalistischen ‘Hüttengriffe’, während die maximale Verzögerung des Delay-Pedals  auf einem Kanon im solistischen Vortrag und einem zweiten in tutti zu tragen kommt. Zwei Standards wurden in das gelungene Set ebenfalls eingestreut und runden eine sehr stimmige Trioaffäre elegant ab.

Friedrich Kunzmann (Concerto)

Angular Blues

Bis auf die beiden Standards ‘Everything I Love’ und ‘I’ll Remember April’ sind sämtliche Kompositionen von Muthspiel. Dabei setzt sich das Repertoire aus neun Stücken zusammen, von denen drei auf der akustischen Gitarre vorgestellt warden. Ein schönes Beispiel dafür ist ‘Wondering’. Nach kurzem Drum-Intro skizziert der Leader das Thema, dessen Melodie durch die markanten Figuren des Bassisten intensiviert wird. Das ebenfalls auf der akustischen Gitarre vorgetragene Stück ‘Hüttengriffe’ klingt wie eine in zarten Tönen vollzogene meditative Wanderung. Einen Kontrast dazu stellt ‘Ride’ dar: Hier greift Muthspiel zur E-Gitarre und lässt mit schnellen  Improvisationen die virtuose Power des Bebop aufleben.

Gerd Filtgen (Fono Forum)

Where The River Goes

Christoph Irrgeher, Wiener Zeitung, November 2018

„Das Aufgebot seiner aktuellen CD „Where The River Goes“ darf als Supergroup gelten: Neben Tasten-Feinspitz Brad Mehldau und dessen Leibbassist Larry Grenadier geben Schlagzeugwunder Eric Harland und Trompeter Ambrose Akinmusire laut. Wobei „laut“ ein verfehlter Begriff ist, denn Muthspiel pflegt einen leisen, ziselierten und somit maßgeschneiderten Kammerjazz für den Herausgeber ECM. Diese Poesie stellt sich auch in veränderter Besetzung ein, wie am Donnerstag live im Konzerthaus zu hören. […] Meist aber vermählen sich hier delikate Harmoniefolgen mit einem federnden Puls, den Jeff Ballard vor allem am Ride-Becken beisteuert. Und mit dem Titelstück setzt es sogar eine handfeste, hoffnungsfrohe Hymne, die Trompeter Matthieu Michel auf einen Energiepegel jenseits der Studio-Aufnahme steigert – Applaus.“

Where The River Goes

Clemens Panagl, Salzburger Nachrichten, November 2018

„Auf Tour ist der Gitarrist mit (bis auf Bassist Grenadier) veränderter Besetzung unterwegs. Die Sogwirkung erzeugt da in Salzburg Jeff Ballard mit fokussierter Rhythmus-Arbeit. Feine harmonische Wirbel bringt Pianist Colin Vallon ins Spiel, für den langen, melodischen Atem ist Trompeter Matthieu Michel zuständig. Im Zusammenspiel mit den frei fließenden Gitarrenlinien des Bandleaders kann das nicht nur lyrisch-traumwandlerisch klingen, wie im Song „Descendants“ vom neuen Album, sondern auch durchaus überschäumend wie im temporeichen „Ride“, in dem das Quintett mitreißende Qualiäteten entfacht.“

Where The River Goes

Peter Rüedi, Weltwoche, Oktober 2018

“Aber den Titel seiner CD (und des ersten Stücks wählte Muthspiel, ein großer Synästhet, mit Bedacht, wie schon den der ersten Scheibe seines Quintetts für ECM („Rising Grace“). „Where The River Goes“ ist als Metapher für die eindringliche Poesie seines musikalischen Verfahrens besonders treffend: weil das Bild eines (unkorrigierten) Flusslaufs zum einen das Natürlich-Organisch dieser höchst kunstvollen Musik assoziiert, zum anderen aber auch ihre Offenheit: die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Spielen. Muthspiels Combo ist icht weniger als eine All-Star-Truppe, in der allerdings alle sich nicht mehr ins Schweinwerferlicht zu spielen brauchen […].“

Where The River Goes

Steve Futterman, Qwest TV, October 2018

“Muthspiel, who is fully matured as a player, fits in perfectly with these first class musicians; the band itself jells as if it had been together for a long time. The weave of guitar and horn bursts with character, Mehldau, one of the most celebrated pianists of his generation is always accommodating, and the Grenadier-Harland hookup is a dream. And while Muthspiel is best known as a distinctive electric guitarist, he dots this captivating album with examples of his equally fine acoustic playing.”