Erst vor einem halben Jahr begeisterten Gitarrist Wolfgang Muthspiel, Kontrabassist Scott Colley und Drummer Brian Blade mit „Tokyo“, dem bereits dritten ECM-Album des kongenialen österreichisch-amerikanischen Trios, und schon steht der umtriebige Saitenzauberer wieder mit einem Trio und einer ebenso phantastischen Produktion am Start. Live konnte man das Wolfgang Muthspiel Chamber Trio mit dem Schweizer Pianisten Colin Vallon und dem Wiener Trompeter Mario Rom hierzulande schon vor zwei Jahren erleben.
Nun erscheint der exzellente Musik-Hybrid, der das Beste aus den beiden Welten der Kammermusik und des Jazz vereinen soll – auf Tour schon perfekt eingeprobt – auf Tonträger beim kleinen Schweizer Label Clap Your Hands. Mit Ausnahme des von Colin Valon komponierten, harmonisch spannenden und spieltechnisch experimentierfreudigen Klanggemäldes „Spring“ stammen alle Kompositionen von Wolfgang Muthspiel. Bei den ersten drei Stücken greift er zur akustischen Gitarre. Im temperamentvollen „Gaucho Schubert“, dem mit 8:43 Minuten längsten Track des Albums, kombiniert er seine Erfahrungen mit argentinischen Musikern mit jenen mit der österreichischen Frühromantik-Ikone und lässt pulsierende Rhythmen auf lyrischen Melodienzauber treffen. Das Titelstück „Atlas“ galoppiert im 5/8-Takt davon und eröffnet allen Akteuren reichlich Platz für interessante improvisatorische Ausflüge – etwa, wenn Muthspiel mit rhythmischem Klopfen auf den Gitarrenkörper einen rasanten Sololauf Vallons untermalt, der anschließend die angeschlagenen Klaviersaiten mit der Hand abdämpft und so einen Rhythmusteppich für ein ausdrucksstarkes Trompeten-Solo Mario Roms erzeugt, ehe wiederum Muthspiel ungemein fingerfertig ins Finale führt.
Zur Abwechslung eröffnet dann das lyrisch-expressive, von Mario Roms Trompete dominierte „Might This Be The End“ jede Menge Raum zum Träumen. Für die mit westafrikanischer Lebensfreude erfüllte, dem aus Benin stammenden Gitarristen und Sänger Lionel Loueke gewidmete Hommage „Lionel“ greift Muthspiel erstmals zur elektrischen Gitarre und unterlegt seine kraftvollen, sich zunehmend rasanter und Fusion-artiger entwickelnden Läufe mit Loops. Auf „Vevey“, dem nach der Westschweizer Stadt und dem Geburtsort dieses Trios benannten Stück, kehrt er zur akustischen Gitarre zurück, um in kunstvoll miteinander verzahnten Linien mit dem Piano zu kommunizieren, ehe schließlich Mario Rom das mit interessanten Breaks und rhythmischen Raffinessen gespickte Stück rasant vorantreibt. „Duke’s Blues“ entpuppt sich titelgemäß als abwechslungsreicher Triolog im Blues-Gewand, während im wie ein Thriller-Soundtrack wirkenden „Dogs“ das Dreiergespräch rhythmisch und harmonisch weit herausfordernder inszeniert wird. Das sich überraschend entwickelnde „Ballard“ dürfte Muthspiels langjährigem Partner am Schlagzeug Jeff Ballard gewidmet sein. Schließlich endet das Album mit der „Etude Nr. 11.5“, was man als Verweis auf das vor zwei Jahren auf Clap Your Hands erschienene Muthspiel-Soloalbum „Etudes/Quietudes“ deuten darf, und das nochmals die Brillanz dieses Trios zu Gehör bringt. „Atlas“ ist das ungemein kurzweilige, an musikalischen Überraschungen reiche Trio-Album dreier Trio-Spezialisten – man denke neben Muthspiel-Colley-Blade auch an Mario Rom’s Interzone mit Lukas Kranzelbinder und Herbert Pirker, oder an das Colin Vallon Trio mit Patrice Moret und Julian Sartorius –, die gemeinsam zur Höchstform auflaufen.
(Clap Your Hands)
Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft
Peter Füssl