Rising Grace, Rondo

“Rising Grace” – Wolfgang Muthspiel

By Werner Stiefele

Anmut: was für ein altmodisches Wort. Bedächtigkeit: noch so ein Wort von vorgestern. Unaufdringlichkeit: Dieser Begriff scheint auch nicht in die Zeit von Laut-Sprechern und angeblich talkenden Schreihälsen zu passen. Und dann noch Aufmerksamkeit, Einfühlsamkeit, Zurücknahme: Wo sind wir denn? Die Antwort: in der Gegenwart. Beim Quintett des österreichischen Gitarristen. Genauer: bei dessen Album „Rising Grace“, das er mit dem Pianisten Brad Mehldau und dessen zeitweiligen Trio-Gefährten, dem Kontrabassisten Larry Grenadier und dem Schlagzeuger Brian Blade, sowie dem Trompeter Ambrose Akinmusire eingespielt hat. Zehn Originals umfasst es, jedes anders und doch alle von derselben Grundhaltung des Suchens und Gebens geprägt. In acht Titeln stellt entweder Mehldau oder Muthspiel ein Thema in den Raum, auf das die anderen einsteigen, das sie aufgreifen, fortspinnen, kommentieren, manchmal auch umgarnen oder ignorieren und mit weiteren Themen beantworten. In manchen Passagen verlagern sich die Schwerpunkte wie auf einer Wippe zwischen den Musiker, und in anderen legen sich mehrere Melodien in einem fast linearen Prozess übereinander. Muthspiel spielt häufig eine akustische Gitarre, und zudem hat er die elektrische Gitarre auf halbakustisches Niveau eingestellt: Auch das verleiht der Musik einen angenehm zurückhaltenden Charakter. Akinmusire tritt gegenüber den vier anderen Bandmitgliedern weitgehend zurück, aber sobald er die Trompete an die Lippen setzt, dominiert sein weicher, atemreicher Klang das weitere Geschehen. Dabei geht er so weit, dass er sich in Muthspiels „Den Wheeler, Den Kenny“ vor dem 2014 gestorbenen Trompeter Kenny Wheeler verneigt, indem er dessen Vorliebe für den Kontrast aus flirrenden und getragenen Tönen liebevoll aufgreift. Es muss während der Aufnahmesessions eine angenehme Atmosphäre geherrscht haben, denn dieses Album vermittelt nicht das Gefühl, als seien bis ins letzte Detail ausgearbeitete Kompositionen auf den Pulten gelegen. Vieles wirkt spontan, freundschaftlich improvisiert und im besten Sinn des Wortes harmonisch. Dazu passen die alten Vokabeln. Aber genau dadurch gewinnt das Album seine zeitlose Schönheit.

Where The River Goes

Christoph Irrgeher, Wiener Zeitung, November 2018

„Das Aufgebot seiner aktuellen CD „Where The River Goes“ darf als Supergroup gelten: Neben Tasten-Feinspitz Brad Mehldau und dessen Leibbassist Larry Grenadier geben Schlagzeugwunder Eric Harland und Trompeter Ambrose Akinmusire laut. Wobei „laut“ ein verfehlter Begriff ist, denn Muthspiel pflegt einen leisen, ziselierten und somit maßgeschneiderten Kammerjazz für den Herausgeber ECM. Diese Poesie stellt sich auch in veränderter Besetzung ein, wie am Donnerstag live im Konzerthaus zu hören. […] Meist aber vermählen sich hier delikate Harmoniefolgen mit einem federnden Puls, den Jeff Ballard vor allem am Ride-Becken beisteuert. Und mit dem Titelstück setzt es sogar eine handfeste, hoffnungsfrohe Hymne, die Trompeter Matthieu Michel auf einen Energiepegel jenseits der Studio-Aufnahme steigert – Applaus.“

Where The River Goes

Clemens Panagl, Salzburger Nachrichten, November 2018

„Auf Tour ist der Gitarrist mit (bis auf Bassist Grenadier) veränderter Besetzung unterwegs. Die Sogwirkung erzeugt da in Salzburg Jeff Ballard mit fokussierter Rhythmus-Arbeit. Feine harmonische Wirbel bringt Pianist Colin Vallon ins Spiel, für den langen, melodischen Atem ist Trompeter Matthieu Michel zuständig. Im Zusammenspiel mit den frei fließenden Gitarrenlinien des Bandleaders kann das nicht nur lyrisch-traumwandlerisch klingen, wie im Song „Descendants“ vom neuen Album, sondern auch durchaus überschäumend wie im temporeichen „Ride“, in dem das Quintett mitreißende Qualiäteten entfacht.“

Where The River Goes

Peter Rüedi, Weltwoche, Oktober 2018

“Aber den Titel seiner CD (und des ersten Stücks wählte Muthspiel, ein großer Synästhet, mit Bedacht, wie schon den der ersten Scheibe seines Quintetts für ECM („Rising Grace“). „Where The River Goes“ ist als Metapher für die eindringliche Poesie seines musikalischen Verfahrens besonders treffend: weil das Bild eines (unkorrigierten) Flusslaufs zum einen das Natürlich-Organisch dieser höchst kunstvollen Musik assoziiert, zum anderen aber auch ihre Offenheit: die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Spielen. Muthspiels Combo ist icht weniger als eine All-Star-Truppe, in der allerdings alle sich nicht mehr ins Schweinwerferlicht zu spielen brauchen […].“

Where The River Goes

Steve Futterman, Qwest TV, October 2018

“Muthspiel, who is fully matured as a player, fits in perfectly with these first class musicians; the band itself jells as if it had been together for a long time. The weave of guitar and horn bursts with character, Mehldau, one of the most celebrated pianists of his generation is always accommodating, and the Grenadier-Harland hookup is a dream. And while Muthspiel is best known as a distinctive electric guitarist, he dots this captivating album with examples of his equally fine acoustic playing.”

Where The River Goes

Steph Cosme, Staccatofy, October 2018

“Muthspiel composed all but two of the eight tunes on the date. The music is largely atmospheric and grows organically from the band’s listening ability and interaction skills. As a result, each player has room to delve into their own expression within Muthspiel’s musical context. This is jazz that is deep in both its history, listening and performance. For these reasons, Where The River Goes is not to be missed. That’s the short of it!”

Jazz Breakfast

Full marks to the guitarist for his choice of band members. He leads Ambrose Akinmusire, Brad Mehldau on piano, Larry Grenadier on bass and Brian Blade on drums. Not you would have very high expectations with such a line-up. And you won’t be disappointed.

The opening title track gives you all you need: Muthspiel using an acoustic, near-classical sound, Akinmusire gently enunciating the theme which epitomises its title with Mehldau shimmering beneath, Grenadier framing the structure and Bald doing a beautiful job of decorating the beat.

London Jazz News

Wolfgang Muthspiel’s second album for ECM may have been released late in the year, but I’ve spotted it creeping into a few ‚best of 2016‘ lists. It’s not hard to see qhy. The Austrian guitarist has augmented his regular trio comprising himself, drummer Brian Blade and the bass of Larry Grenadier with Brad Mehldau’s piano and trumpeter Ambrose Akinmusire. Collectively, they weave quiet, magical spells through a set of ten originals, one contributed by Mehldau, the rest by Muthspiel.

Rising Grace, The Times

Four fifths of the band on this record are American and it shows. The ECM label may be increasingly saturnine but this is one of its most robustly swinging releases in a while. The leader, the Austrian guitarist Wolfgang Muthspiel, may not be familiar to many. After a strong start in the US in the Nineties, he returned to Vienna to record on his own imprint. Yet with his warm tone fleet finger work and quicksilver response, he is too good for local obscurity- This beguiling return to the limelight is sure to draw new listeners.

Rolling Stone Germany

Interessante Band, die der elegant erfindungsreiche österreichische Gitarrist hier um sich schart. Mit Brad Mehltau am Klavier hat er den derzeit größten Klavierstar und mit Ambrose Akinmusire an der Trompete einen der strahlendsten Jungen mit dabei – beide unterstreichen nachdrücklich, warum das so ist. Und beide sind übrigens keine ECM-Musiker. Ein bisschen geschmäcklerisch liegen die Dinge schon. Dies jedoch auf einnehmende, warme und auch kluge Weise und gewohnt vom ECM-Chef Manfred Eicher selbst produziert. Man hat sich hörbar wohlgefühlt, so leicht geht den Künstlern das Zusammenspiel von der Hand, so beiläufig lässig geraten sie ins Silieren – meist schieben sie sich eher Parts zu, korrespondieren, führen weiter. Sehr melodisch, aber elegant und flüssig sind die Tracks mit den coolen, offenen Grovves mir die liebsten.

Muthspiel Trio, derStandard

Ljubisa Tosic

Der Gitarrist gastiert am Mittwoch im Porgy & Bess. Im Trio wird er sich in das Abenteuer der Improvisation stürzen

Wien – Das gute alte Jazztrio ist eine der quasi klassischen Besetzungen. Es war einem Pianisten wie Oscar Peterson wichtig, um sich auf Basis der diszipliniert swingenden Unterstützung (von Bass und Schlagzeug) zu entfalten. Es war aber auch einem Ekstatiker wie Pianist Keith Jarrett wichtig, um wiederum Formen zu dehnen und die Freiheit des Monologs exzessiv zu zelebrieren.